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Betrüger machen sich Börsenkrise
zunutze
Quelle: Netzeitung.de
06. Februar 2003
Kleinunternehmer sind die beliebtesten Ziele für professionelle
Anlage-Betrüger. Trotz verschlungener Pfade lässt sich
aber oft zumindest ein Teil des Geldes zurückholen, sagte
Anlegerschützer Klaus Nieding der Netzeitung.
Gerade mittelständische Unternehmer werden häufig
Opfer von Finanzbetrügern. Im Extremfall kann das die Existenz
des ganzen Unternehmens bedrohen, sagt Klaus Nieding. Der Rechtsanwalt
ist Präsident des Deutschen Anlegerschutzbundes.
Netzeitung: Sie schätzen
das Volumen des Anlagebetrugs in Deutschland auf 30 Milliarden
Euro pro Jahr. Wie stark sind mittelständische Unternehmen
davon betroffen?
Klaus Nieding: Das
ist schwer in Zahlen zu sagen. Wir gehen davon aus, dass gerade
mittelständische Unternehmer das primäre Zielobjekt
von Betrügern sind. Aus ganz einfachen Gründen. Ein
mittelständischer Unternehmer hat in der Regel Geld anzulegen.
Zum Zweiten hat der mittelständische Unternehmer überwiegend
keine Zeit, sich um Gelddinge zu kümmern.
Rechtsanwälte und Zahnärzte, aber auch Architekten und
Ingenieure oder auch Immobiliensachverständige und Geschäftsführer
von mittelständischen GmbH werden gezielt abtelefoniert anhand
von Branchentelefonbüchern. Dieses Cold Calling ist zwar
in Deutschland verboten, aber die Betrüger halten sich natürlich
nicht daran.
Ein weiterer Hinweis, dass der Mittelstand Ziel der Betrüger
ist: Wir beobachten zunehmend Annoncen von unseriösen Finanzdienstleistungen,
wo mit der Angst vor rot-grünen Steuerplänen gezielt
auf Kundenfang im Mittelstand gegangen wird. Eine Anzeige lautet
zum Beispiel: Mittelstand aufgepasst! Haben auch Sie die Nase
voll von rot-grünen Steuerplänen, dann Kapitalanlage
bei uns. Das Unternehmen, was sich dahinter verbarg, war uns schon
in früheren Fällen als unseriös aufgefallen.
Netzeitung: Was treibt traditionsbewusste
kleine Unternehmen in die Fänge von Betrügern?
Nieding: Eigentlich wären
diese Unternehmen richtig am normalen Aktienmarkt und an den Finanzmärkten
aufgehoben. Aber da gibt es eine Vertrauenskrise. Enronitis lässt
grüßen.
Netzeitung: Sind die Opfer
potenzielle Steuerbetrüger?
Nieding: Nein. Die Kapitalanlagevermittler
gehen viel subtiler vor. Sie verkaufen ihre Produkte als anerkannt
steuersparend. Die Unternehmer wissen, dass es immer noch so genannte
Steuersparmodelle gibt, seien es Schiffsbeteiligungen oder Medienfonds.
Die Basis für ein solches Geschäft ist Vertrauen.
Netzeitung: Was geschieht mit dem Geld?
Nieding: Es gibt unterschiedliche
Formen. Zum Beispiel, dass das Geld tatsächlich irgendwo
am Kapitalmarkt angelegt wird, aber ein solches Depot durch so
genanntes Drehen, das heißt schnelles Kaufen und Verkaufen
in kurzer Zeit, durch die anfallenden Gebühren leer gemacht
wird. Das nennt man churning, und ist ebenfalls verboten.
Eine andere Form ist, dass das Geld überhaupt nicht angelegt,
sondern auf die Konten der Täter im Ausland überwiesen
wird. Sie drucken Phantasiekontoauszüge in Deutschland, schicken
sie in Sammelumschläge in die USA und lassen sie von dort
von einem angeblichen Brokerhaus, versehen mit einer US-Briefmarke,
einzeln an die Geschädigten zurückschicken. Es werden
auch amerikanische Telefonnummern mit Vorwahl USA angegeben. Da
rufen Sie dann zu unseren Bürozeiten mal morgens an, dann
müssten die in den USA schlafen, aber es klickt kurz in der
Leitung und dann geht jemand ans Telefon und meldet sich mit dem
Namen des angeblichen Brokerhauses. Es handelt sich um eine einfache
Rufweiterleitung, und der böse Bube sitzt hier und telefoniert.
Netzeitung: Das sind dann
aber keine Einzeltäter. Es gibt also ein ganzes Netz von
Betrügern?
Nieding: Deswegen spreche ich von organisierter
Kriminalität. Es sind international operierende Banden. Einzelne
Mitarbeiter machen sich auch selbständig und arbeiten mit
dem gleichen System weiter. Es werden auch Kundenadressen verkauft.
Da kann es dann passieren, dass Sie Geld verloren haben, und dann
kommt jemand und sagt: Sie sind doch da reingefallen. Wir können
Ihnen dieses Geld zurückholen. Voraussetzung ist, dass Sie
uns eine bestimmte Gebühr entrichten.
Netzeitung: Was kann das Unternehmen tun,
wenn es den Betrug entdeckt, es aber schon zu spät ist, sprich,
das Geld schon weg ist?
Nieding: Es hilft nur eines: Schnell von
fachkundiger Seite Rat einholen. Das sind Verbraucherzentralen,
Aktionärsvereinigungen, der Deutsche Anlegerschutzbund und
natürlich auch spezialisierte Anwälte.
Wenn der Betrüger noch nicht auf gepackten Koffern sitzt,
ist es oft möglich, das Geld zurückzuholen, zumindest
zu einem großen Teil. Wenn er das Geld aber schon ins Ausland
gebracht hat, dann wird es schwierig. In einem Beispiel haben
wir die Finanzströme über Georgien, die Mongolei, die
Netherlands Antilles, British Caiman Islands in andere off-shore-Zentren
verfolgt. Da noch mal an das Geld zu kommen, ist ausgesprochen
schwer. Dann können wir den Geschädigten nur sagen:
Das ist Lehrgeld, das Ihr abschreiben müsst.
Netzeitung: Wo können Anleger sich
vorab informieren, ob ihr Berater seriös ist?
Nieding: Zum Beispiel
hat die Verbraucherzentrale in Berlin ein umfangreiches Archiv.
Auch wir haben dies und bieten diese Ratschläge auch Nichtmitgliedern
kostenlos an. Und es gibt auch Anlageschutzarchive über das
Internet. Aber gerade der mittelständische Anleger hat oft
keine Zeit. Und da kritisiere ich ihn auch. Wenn man sieht, welchen
Aufstand die Leute machen, wenn sie sich eine Waschmaschine oder
ein Auto kaufen. Da werden Testergebnisse angefordert und und
und... Aber wenn wir unser Bestes anzulegen haben, nämlich
unser Geld, dann wird das oft in einer Minutenentscheidung aus
einer Bauchstimmung heraus gemacht. Das kann nicht sein.
Netzeitung: Woran können Unternehmen den seriösen
von dem unseriösen Berater unterscheiden?
Nieding: Der beste Schutz vor Kapitalanlagebetrug ist, den Telefonhörer
aufzulegen. Das ist meist das Einstiegsmedium. Für unseriös
spricht zum Beispiel: Sitze im Ausland, an so genannten off-shore-banking-places.
Vorsicht auch bei Broschüren, die ins Übersteigerte
hinaus das Risiko betonen. Dann sagt der Berater: Wir müssen
das von Gesetz wegen so formulieren, es ist aber noch nie ein
Verlust eingetreten. Und später vor Gericht sagt ein unerfahrener
Richter dann dem Opfer: Da sind Sie doch selbst dran Schuld. Sie
waren doch gewarnt.
Was die Täter nicht mehr machen: Sie versprechen nicht mehr
gigantische Renditen von 300 Prozent oder mehr. Das macht sie
verdächtig. Inzwischen versprechen Sie noch zehn oder zwölf
Prozent.
Netzeitung: Wie hoch ist der gesamtwirtschaftliche Schaden, der
durch Anlagebetrug im Mittelstand entsteht? Stichwort Insolvenzen,
Arbeitsplätze.
Nieding: Ganz schwierig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel:
Der Geschäftsführer einer Baufirma wurde angerufen.
Er stand kurz vor einem großen Projekt, für das die
Finanzierung stand. Dann sagt der Täter: Wir brauchen das
Geld ja nur für eine Woche. Das ist risikolos. Daraufhin
hat der Geschäftsführer seine Baufinanzierung verloren.
Die Folge waren Existenznöte. Wir konnten ihm einen Teil
des Geldes zurückholen, und das hat ihn über Wasser
gehalten.
Netzeitung: Was macht der Deutsche Anlegerschutzbund
und wer steht dahinter?
Nieding: Opfer vom betrügerischen
Kapitalmarkt haben keine Lobby. Der Deutsche Anlegerschutzbund
hat rund 9000 Mitglieder, natürliche Personen und Investmentclubs.
Ziel sind Aufklärung und Anlaufstelle für Geschädigte.
Wir bekommen pro Tag zwischen drei und zehn Anrufe. Wir vermitteln
spezialisierte Anwälte vor Ort.
Netzeitung: Sie machen also nicht alles
selber?
Nieding: Nein. Das ist für mich ein Instrument, um die Anleger
aufzuklären. Ich will dazu beitragen, dass dieser Markt austrocknet.
Der DASB ist eine rein ehrenamtliche Geschichte. Mandate bekomme
ich über meine Arbeit als Anwalt.
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