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„Vergessen ist der größte Feind“


ANLEGERSCHUTZ Klaus Nieding spricht über das Thema „Nach der Finanzkrise(?)“ / Spannend wie ein Krimi

12.02.2011 - BAD SOBERNHEIM

Von Wilhelm Meyer

„Gehen Sie zu den Generalversammlungen“, ist der Rat des Präsidenten des Deutschen Anlegerschutzbundes, Klaus Nieding. „Schauen Sie sich die Leute an. Wenn Sie Ihr Auto bei denen nicht kaufen würden, dann lassen Sie auch die Finger von deren Aktien.“ Nieding, den man an der Nahe vor allem als engagierten Jäger, Vorsitzenden der Kreisjägerschaft und hervorragenden Jagdhornbläser kennt, brilliert nicht minder, wenn es um Fragen des Anlegerschutzes geht.

Auf Einladung der Konrad Adenauer-Stiftung sprach Nieding bei BollAnts im Kurhaus Dhonau. „Nach der Finanzkrise(?)“ - das Fragezeichen hätte er zusammen mit dem Leiter des Bildungswerkes der Konrad Adenauer Stiftung, Karl-Heinz van Lier, an die Überschrift angefügt. So sicher dürfe man sich nicht fühlen, dass es tatsächlich „Nach“ sei. Das Vergessen sei der größte Feind der Veränderung zum Guten. Mit Besorgnis sieht Nieding, wie die Boni in London und New York die Höhen von vor der Krise wieder erreichen, mitunter gar überschreiten. Dabei unterschlägt er nicht, dass auch einiges an Verbesserungen am Markt geschaffen wurde.

Es ist spannend wie ein Krimi, wenn Nieding erzählt. Vielleicht schon allein deshalb, weil die kriminellen Aktivitäten, die sich im Kapitalmarkt verbergen, für einige Folgen jeder Krimiserie reichen dürften. Es geht um Milliarden, die Zahl mit der Menge an Nullen, an die man sich innerhalb kürzester Zeit so gewöhnt habe. Nieding ist absoluter Fachmann. Vertritt doch seine Kanzlei zahlreiche Privatanleger, die beim Kauf von Lehman-Zertifikaten fehlerhaft beraten wurden. Mehr als 50 000 Geschädigte hätte es allein im Zusammenhang mit Lehman in Deutschland gegeben, mehr als 9000 würden von der Kanzlei Nieding und Barth vertreten. Fast alle Erstgespräche, so Nieding, habe er selbst geführt.

Was Nieding aus seiner Praxis erzählt, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Wie vertrauensselig vor allem deutsche Kunden seien, mache die noch immer gängige Rede vom Bankbeamten deutlich. Vom Jargon der „Bänkster“, die von den AD-Kunden redeten: alt und doof. Bis hin zu einem Einzelfall, in dem einem 96-Jährigen Verträge mit fünfjährigen Laufzeiten verkauft worden seien. Und das sei keineswegs mit der Gier der Einzelnen zu erklären. Die Renditeerwartungen seien keineswegs so hoch gewesen, dass bei jedem die Alarmglocken ihr Läutkonzert hätten anschlagen müssen. Manchmal seien für bescheidene vier Prozent die Altersrücklagen eines langen Arbeitslebens in Luft zerstoben.

Niedings Resümee ist, dass der informierte und gebildete Investor zwar seltener zum Opfer werde, aber auch Fachleute seien nicht immer gefeit. Selbst erfahrene Profis wie Stadtkämmerer, kommunale Unternehmer und mittelständische Geschäftsführer hätten horrende Verluste durch Fehlberatungen zu beklagen. Dafür zeugte ein aktuell laufendes Verfahren, bei dem es für einen mittelständischen Unternehmer um mehr als eine halbe Milliarde Euro ging. Aber auch Kämmerer, die mit der linken Hand Schwimmbäder schlössen, hätten mit der rechten mit Spread Ladder Swaps genannten Derivaten das Geld für 20 Bäder in den Sand gesetzt. Auch diese Zinswetten-Produkte seien zumindest außerst leichtfertig vertrieben worden, machte Nieding deutlich.

Nicht alles, was das Gesetz hergebe, dürfe auch gemacht werden, erklärte Nieding und forderte, nachdem mit der Finanzkrise ein Blick in einen ungeheuren Abgrund getan werden konnte, auch eine moralische Wende. Gesetzeslücken auszunutzen, könne nicht die Basis von Geldgeschäften sein. Moral, Anstand und Ethik sollten als Instanzen über der reinen Ausnutzung des gesetzlich Möglichen gewahrt bleiben.

Der Vortrag von Klaus Nieding bei Bollants war spannend wie ein Krimi.

 

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