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Welt am Sonntag, 12.11.2006

So wird das Geld am grauen Markt versenkt

Ressort: FINANZEN

Christina Anastassiiou

unregulierter Kapitalmarkt So wird das Geld am grauen Markt versenkt Anbieter am unregulierten Kapitalmarkt ködern Anleger zunehmend mit vermeintlich konservativen Firmenanleihen. Doch die Produkte sind riskant und nicht selten illegal. Bei unrealistischen Zinsversprechen sollten Investoren hellhörig werden

Schöne Prospekte, hohe Zinsen, freundliche Mitarbeiter. Das war der erste Eindruck, den Otto Neumann*, bei seinem Investment in die Wohnungsbaugesellschaft Leipzig West hatte. Doch das war gestern. Heute hofft er nur noch, wenigstens einen Teil der 33 000 Euro zurückzuerhalten, die er in Anleihen der inzwischen insolventen Gesellschaft investiert hat. "Ich habe dort angelegt, weil Festgelder und Sparbücher so schlecht verzinst sind", sagt der Rentner. Neumann kaufte in Raten: Im Juni 2005 steckte er 20 000 Euro in eine am 16. Juni 2006 fällige Anleihe mit einer Verzinsung von 5,5 Prozent. Im vergangenen Januar investierte der 67-Jährige weitere 8000 Euro, im Juni 5000 Euro. Als die Gesellschaft ihm kurz vor Fälligkeit der ersten Anleihe anbot, diese um ein Jahr zu verlängern und die Verzinsung auf sieben Prozent zu erhöhen, nahm er an. Doch er wartete vergeblich auf die Zinsen und den Umtauschbonus über 200 Euro: "Als der Emittent auf zwei Faxe nicht reagierte, rief ich an und erfuhr von der Insolvenz." Neumann ist einer von 25 000 bis 30 000 Anlegern, die in Anleihen der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig West investiert haben. Die Staatsanwaltschaft hat vergangene Woche Anklage erhoben wegen Betrugs in besonders schwerem Fall sowie Insolvenzverschleppung. Das Deutsche Institut für Anlegerschutz (DIAS) in Berlin schätzt den Schaden auf 350 Millionen Euro. Die Leipziger hatten Inhaber-Teilschuldverschreibungen außerhalb der Börse emittiert, ein typisches Produkt am grauen Kapitalmarkt. Die Macher auf diesem Markt agieren meist abseits der Banken, Versicherungen und Investmentfondsgesellschaften, der Staat kontrolliert kaum. Zwar prüft die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) seit dem 1. Juli 2005 die Emissionsprospekte, die für ein breiteres Publikum bestimmt sind. Dabei geht es ihr jedoch nur um formale Kriterien, nicht um inhaltliche Richtigkeit. Wie riskant eine Anlage am grauen Markt ist, belegen die Berechnungen des DIAS. Danach haben deutsche Sparer hier seit 2001 rund 250 Milliarden Euro verloren. DIAS-Chef Volker Pietsch: "Etwa 180 Millionen Euro davon entfallen auf Schrottimmobilien, der Rest auf außerbörsliche Genussrechte sowie Unternehmensanleihen. Und gerade diese Papiere gewinnen seit fünf Jahren an Beliebtheit." Die hoch verzinsten Anleihen tauchen unter den Bezeichnungen "Order- oder Inhaberschuldverschreibungen" und "Anleiheobligation" auf, als "Kapitalleihe" oder "Privatdarlehen". Pietsch zufolge unterstützen mehrere Faktoren diesen Trend. Zur fehlenden staatlichen Aufsicht und den niedrigen Zinsen bei normalen Anlagen kämen ein geschicktes Marketing der Anbieter und das magere Finanzwissen quer durch alle Bildungsschichten in Deutschland. Auch Kriminalhauptkommissar Norbert Trotte vom Landeskriminalamt (LKA) 64 in Hamburg beobachtet den Hang zur Unternehmensanleihe, und zwar mit Einstiegssummen von 5000 bis 10 000 Euro. "Diese Produkte ziehen Kleinanleger an und wirken sehr konservativ. Der Sparer denkt, er bekomme sein Geld zurück wie bei den Anleihen von Staaten guter Bonität", sagt der Sachgebietsleiter. Bisweilen steckt dahinter jedoch ein Schneeballsystem, ob die Firma nun von Anfang an unlautere Absichten hatte oder nur eine wirtschaftliche Schieflage tarnt. In beiden Fällen zahlt der Anbieter die Zinsen vom Geld, das er mit der Ausgabe neuer Anleihen eingesammelt hat. Trotte: "Solche Systeme können jahrelang überleben. Das klappt so lange, bis der Emittent keine neuen Anleger mehr findet." Die vermeintlich konservative Firmenanleihe ist ein Trend, Anwalt Klaus Nieding nennt weitere. "Wir sehen immer mehr Massenschäden wie bei Phoenix Kapitaldienst und Amis", sagt der Präsident des Deutschen Anlegerschutzbundes. An diese Anbieter hatten rund 50 000 Anleger 500 bis 800 Millionen Euro verloren. Zudem kommen immer mehr Angebote aus dem Ausland. Erster Fall dieser Art sei die Amis aus Österreich. Trotz neuer Tendenzen arbeiten die Verkäufer nach bekannten Mustern: Sie rufen potenzielle Kunden eigenmächtig an, schwärmen von zweistelligen Renditen fast ohne Risiken, schwatzen ihnen Prospekte auf. Zwar ist dieses Cold Calling den Finanzdienstleistern verboten, doch das kümmert die Anbieter nicht. Andere schalten Anzeigen in Zeitungen oder kontaktieren mögliche Investoren per E-Mail und SMS. "Häufig werden Anlagen über Freunde und Bekannte weiterempfohlen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen", sagt Kommissariatsleiter Stefan Wegener vom LKA 327 in Berlin. In den Unterlagen werben die Anbieter gern mit ihrem Prüfsiegel der BaFin. Schließlich wissen Laien meist nicht, dass dies kein Qualitätsbeweis ist. Der Prospekt listet die Risiken der Anlage zwar auf, wie von der Aufsicht gefordert. "Doch Vertriebler spielen die Gefahren im Verkaufsgespräch herunter", sagt Kommissar Trotte. Oft argumentieren die Verkäufer, der Kunde könne die Anlage mit einer kleinen Summe testen. "Bei der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig West haben viele zunächst mit 500 oder 1000 Euro begonnen und die Zinsen kassiert", sagt Jürgen Blache, Vorstand der Schutzgemeinschaft für geschädigte Kapitalanleger. So hätten sie Mut gefasst, höhere Summen zu investieren. Derlei Gebaren sollte den Investor warnen. Selbiges gilt für einen Sitz im Ausland und eine Rendite, die oberhalb der Verzinsung zehnjähriger Bundesanleihen liegt. Das Zinsversprechen hätte auch Otto Neumann ein Wink sein sollen. Solch ein Fehler wird ihm vermutlich nicht wieder passieren. * Name von der Redaktion geändert

Versenktes Geld: Der graue Kapitalmarkt bringt jedes Jahr Tausende von Kleinanlegern um ihre Ersparnisse. Die niedrige Verzinsung von Tages- und Festgeldangeboten bringt den unseriösen Anbietern großen Zulauf Ric Frazier/Corbis

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