| Ärzte
Zeitung, 15.11.2005
Zeitnot und Unwissen von Ärzten ausgenutzt
Etwa ein Drittel der geschädigten Anleger am sogenannten
Grauen Kapitalmarkt sind Ärzte
FRANKFURT/MAIN. Das Vertrauen war da - schließlich hatten
der Vater des Arztes und der Vater des Finanzvermittlers vor
Jahren schon Geschäfte miteinander abgeschlossen. Aus der
vermeintlich lukrativen Geschäftsbeziehung ist nun ein
Fall vor dem Landgericht Gießen geworden. Der 65 Jahre
alte Kollege versucht mit juristischer Hilfe, sein Geld wieder
zu bekommen, das er in einer sicheren Kapitalanlage für
seine Altersvorsorge vermutete.
Von Petra Häussermann
"Etwa ein Drittel der geschädigten selbständigen Anleger am sogenannten
Grauen Kapitalmarkt sind Ärzte", ist die Erfahrung von Klaus Nieding,
Präsident des Deutschen Anlegerschutzbundes DASB in Frankfurt am Main. Kein
Wunder, meint der auf Aktien- und Kapitalmarktrecht spezialisierte Rechtsanwalt: Ärzte
haben in der Regel wenig Zeit, wenig Finanzkenntnisse, aber sie möchten
gerne etwas mehr für ihre Altersvorsorge tun.
Mit hohen Renditen - und das fast ohne Risiko - werben Finanzbetrüger um
Kunden. Wer ihnen jedoch auf den Leim geht, setzt sein Vermögen aufs Spiel.
Um diese bittere Erfahrung ist auch eine Ärztin aus dem Osten Deutschlands
reicher.
Die Allgemeinmedizinerin ist eine von etwa 30 000 geschädigten Anlegern
der Phoenix Kapitaldienst GmbH. Bei dem Unternehmen sind angeblich bis zu 700
Millionen Euro an Anlegergeldern "verschwunden". Zur Zeit versuchen
ein Insolvenzverwalter und die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main, einen der
größten Betrugsfälle des Deutschen Kapitalmarktes aufzuklären.
Polizeistatistik weist steigende Betrugszahlen aus
Betrügereien mit Kapitalanlagen finden oftmals auf dem Grauen Markt, also
dem staatlich nicht geregelten Kapitalmarkt, statt. Außer unseriösen
Immobilienvermittlungen locken die Täter ihren Opfern mit nicht existenten
Fonds, außerbörslich gehandelten Aktien, Warentermingeschäften
oder Fantasieprodukten wie Bankgarantiegeschäften das Geld aus der Tasche.
Anlegerschützer warnen auch immer wieder davor, daß Betrüger
gezielt aktuelle Ereignisse aufgreifen, um damit auf Kundenfang zu gehen.
Seit Jahren verzeichnet die polizeiliche Kriminalstatistik steigende Zahlen beim
Beteiligungs- und Kapitalanlagebetrug. Die Schadensumme wächst sogar überdurchschnittlich
an. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin schätzt,
daß mittlerweile jährlich 20 bis 26 Milliarden Euro am Grauen Kapitalmarkt
angelegt werden.
Verbraucherschützer halten sogar 30 Milliarden Euro für realistisch
und verweisen auf eine beachtliche Dunkelziffer: "Niemand erzählt gern,
daß er auf einen Betrüger hereingefallen ist und Geld verloren hat",
sagt Nieding.
Keineswegs nur unerfahrene Investoren fallen auf das ausgeklügelte System
und die geschulten Verkäufer der Betrugsfirmen herein. Anlagebetrug beschränkt
sich weder auf einzelne Berufsgruppen noch auf ein bestimmtes Bildungsniveau.
Nach Niedings Erfahrung handelt es sich bei der Masse der Betrogenen um durchschnittliche
Bürger, wie etwa Handwerker oder Angestellte, die für das Alter vorsorgen
wollen, oder die Großmutter, die dem Enkel das Studium in einigen Jahren
finanziell erleichtern möchte.
Selbst wenn der Betrug aufgeflogen ist, kann der Schaden noch größer
werden. Der bei Stuttgart ansässige Spezialist für Anlagebetrug Andreas
W. Tilp hat die Erfahrung gemacht, daß manche Täter selbst sogenannte
Interessengemeinschaften von Geschädigten ins Leben rufen. Dadurch wollen
sie das Vorgehen der Opfer beeinflussen und die Aufklärung verzögern.
Der Vorwurf, Opfer von Kapitalanlagebetrug seien besonders leichtsinnig und vertrauensvoll,
hält sich zwar hartnäckig, ist in einer groß angelegten Studie
des Bundeskriminalamtes vor einigen Jahren widerlegt worden. Gingen die Täter
früher vor allem mit unrealistisch hohen Renditen auf Kundenfang, zeigt
danach nun eine neue Methode Wirkung: Der smarte Finanzberater vermittelt dem
potentiellen Kunden das Gefühl, "an etwas ganz besonders Exklusivem
beteiligt zu sein".
Wegen der Chance, an einem solchen "einmaligen Geschäft" teilzuhaben,
könne sich der Kunde glücklich schätzen. Das schmeichelt dem Selbstbewußtsein
des Opfers. Zugleich wird die Angst erzeugt, etwas zu verpassen. Sollte der Kunde
nicht gleich zugreifen, so mahnt der Vermittler, dann werde eben ein anderer
die Investitionsgelegenheit nutzen.
Mit Geld der Neukunden werden Altkunden bedient
Im Fall des hessischen Kollegen, der jetzt in Gießen klagt, stand die Sorge
um die finanzielle Absicherung im Alter im Vordergrund. Der junge Vermittler
hatte sofort eine Idee, verglich die Anlage für den Handel mit Lastkränen
mit festverzinslichen Wertpapieren einer Bank. Vollends Vertrauen faßte
der Arzt, als er hörte, daß der Finanzvermittler selbst, sein Vater
und weitere Familienangehörige eben dort eigenes Vermögen investiert
hätten. Viel Geld wechselte den Besitzer und bald darauf flatterten dem
Mediziner sogenannte Einlagenzertifikate ins Haus.
Das Muster hinter den Betrügereien ist in vielen Fällen das gleiche:
Mit den Einlagen neuer Kunden werden Ansprüche von älteren Kunden bedient.
Der Verdacht eines solchen Schneeballsystems besteht sowohl bei Phoenix als auch
bei der vermeintlich sicheren Anlage des hessischen Arztes. Er erhielt tatsächlich
nach einem ersten Investment eine ordentliche Rendite und wiegte sich bei den
nächsten Investitionen fortan in Sicherheit.
Schneeballsystem hätte der Finanzberater erkennen müssen
Nach den bisherigen Erkenntnissen seines Anwaltes handelt es sich bei der Anlagefirma
um eine "Kapitalsammelstelle, die keiner nennenswerten Geschäftstätigkeit
nachgeht". Auszahlungen konnten nur erfolgen, wenn neue Anleger gewonnen
wurden. Der Finanzberater des Mediziners hätte dem Anwalt zufolge erkennen
müssen, daß es sich bei diesem Geschäft um eine unseriöse
Kapitalanlage handelte.
Vorsicht vor Anlagebetrug!
Je mehr der nachfolgenden Punkte zutreffen, desto wahrscheinlicher ist es, daß das
Angebot unseriös ist:
- Sie bekommen unaufgefordert einen Anruf, eine E-Mail oder ein Fax über
eine Kapitalanlage.
- Der Anbieter setzt Sie unter Zeitdruck mit dem Hinweis auf die "einmalige
Gelegenheit", eine "besondere Marktsituation" oder "Insiderinformationen".
-Sie erfahren nichts Genaues über die Art der Geldanlage.
-Der Vermittler rät, einen Kredit für die Anlage aufzunehmen, weil
die "Rendite höher ist als die Kreditzinsen".
-Sie erhalten Unterlagen, die entweder unverständlich formuliert sind oder
kaum sachliche Informationen enthalten.
-Der vermeintliche Berater warnt Sie nicht vor dem Risiko der Anlage oder spielt
es mit dem Beispiel des Beipackzettels bei Medikamenten herunter.
- Über Ihre Anlageziele wird überhaupt nicht gesprochen.
- Achten Sie auf Gesellschaften, die ihren Firmensitz im Ausland haben und in
Deutschland nur durch einen "Generalvertrieb" oder "Repräsentanten" vertreten
sind!
- Eine bekannte Bank wird als angeblicher Partner genannt, das Geldinstitut selbst
weiß jedoch nichts darüber.
- Die Gesellschaft ist bei Verbraucherschützern bereits negativ aufgefallen.
(ph)
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