| 30.04.2004
Tagesspiegel Online
Experten raten Anlage-Anfängern: Finger weg von Hedgefonds
Seit Januar sind die riskanten
Investmentprodukte auch in Deutschland zugelassen. Banken erwarten
ein rasantes Wachstum, Anlegerschützer warnen vor Leichtsinn
Berlin. Der Deutsche-Bank-Konzern hat jüngst
mit dem DWS Hedge Invest Dynamic den ersten Dach-Hedgefonds Deutschlands
aufgelegt. Die Anlagephilosophie klingt verlockend, sollen diese
doch eine absolut positive Wertentwicklung erzielen, unabhängig
von Kursschwankungen und Marktentwicklung. Doch bereits auf der
DWS-Internetseite erscheint ein unheilvoller Hinweis: "Der
Bundesminister der Finanzen warnt: Bei dieser Kategorie von Investmentfonds
müssen Anleger bereit und in der Lage sein, Verluste des eingesetzten
Kapitals bis hin zum Totalverlust hinzunehmen." Diese Warnung
soll fortan in allen Prospekten deutscher Dach-Hedgefonds enthalten
sein.
Geprellte Anleger wird es trotzdem geben. "Wir erwarten,
dass uns die Hedgefonds eine Menge Arbeit bescheren werden und
zwar sowohl im Hinblick auf seriöse Anbieter als auch auf Betrüger",
sagt der Frankfurter Anwalt und Präsident des Anlegerschutzbundes,
Klaus Nieding. "In den vergangenen Monaten melden sich bereits
zunehmend Geschädigte bei uns. Meist haben da Betrüger das Thema
Hedgefonds als Einstiegsstory genutzt und dann abgezockt."
Das so genannte Hedging bezieht sich ursprünglich auf Absicherungsmaßnahmen,
die das Risiko bei Devisen- und Finanztransaktionen durch ein
Gegengeschäft ausgleichen. Hedgefonds investieren überwiegend
am Terminmarkt, in Derivate wie etwa Optionen und Futures. Diesen
Derivaten können neben Aktien auch Indizes, Devisen, Anleihen
oder Waren zugrunde liegen. Dabei werden nicht direkt Anteile
erworben, sondern quasi Wetten auf Kurse abgeschlossen. Besonders
bei Leerverkäufen mit geliehenen Aktien können Gewinne, aber auch
Verluste das eingesetzte Kapital übertreffen. Regelrecht in die
Höhe "gehebel" wird das Risiko durch den Einsatz von
geliehenem Kapital.
Aus dem Grauen Kapitalmarkt geholt
Hedgefonds dürfen hier zu Lande erst vertrieben werden, seit 2004
das Investmentmodernisierungsgesetz in Kraft getreten ist. Rudolf
Siebel, Geschäftsführer des Investmentverbandes BVI, sieht in
dem Gesetz Vorteile für Produktvielfalt und Anlegerschutz: "Schließlich
wurden Hedgefonds damit aus dem unregulierten grauen Kapitalmarkt
herausgeholt. So bieten sie im Gegensatz zu Zertifikaten eine
staatliche Aufsicht zum Schutze der Anleger und weisen kein Bonitätsrisiko
bezüglich der Aussteller auf."
Außerdem beschränkt das Gesetz den öffentlichen Vertrieb
von Hedgefonds auf so genannte Dach-Hedgefonds. Diese dürfen
maximal 20 Prozent ihres Vermögens in einen einzigen Zielfonds
anlegen. Auch dürfen nicht mehr als zwei Zielfonds vom selben
Aussteller und Fondsmanager verwaltet werden. Doch das Risiko
eines Totalverlustes bleibt. Dorothea Kleine, Geldexpertin beim
Bundesverband der Verbraucherzentralen, hält daher eine umfassende
Beratung für wichtig. Womit sich Anleger auf keinen Fall
abspeisen lassen sollten: kurze, beschwichtigende Auskünfte,
durch die die Risiken heruntergespielt werden. Anlegerschützer
Nieding warnt zudem davor, die Dachfondslösung als Patentrezept
gegen Verluste anzusehen: "Da verlieren sowohl Anleger als
auch Fondsmanager den überblick, Trotz der Bedenken wird
Hedgefonds ein rasantes Wachstum zugetraut. " Hedgefonds
ein rasantes Wachstum zugetraut. " Mittelfristig hält
der BVI einen Anteil von fünf bis zehn Prozent am Mittelaufkommen
der Branche für realistisch. "Vor dem Hintergrund dieser
Zielgröße kann man in den nächsten fünf Jahren
von einem Potenzial eines zweistelligen Milliardenbetrages ausgehen",
sagt BVI-Geschäftsführer Rudolf Siebel. 2003 flossen
in Deutschland 31,9 Milliarden Euro in Fonds. Der Absatz bei Hedgefonds
könnte demnach bis zu drei Milliarden Euro pro Jahr ausmachen.
Alexander Wessendorf
|